Auf dem Weg ins Fediverse

Infrastruktur für die Wissenschaft: Mit seinem Pilotprojekt, eine eigene Mastodon-Instanz aufzubauen und zu betreiben, zeigt das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), welche Chancen das Fediverse für Forschung und Lehre bietet – und warum andere Hochschulen diesem Beispiel folgen sollten.

7. April 2026

Von der Idee zum erfolgreichen Gemeinschaftsprojekt: Vor dem Aufbau der eigenen Mastodon-Instanz war das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) bereits seit mehreren Jahren mit einem – im Vergleich zu anderen Universitäten recht reichweitenstarken – Profil auf der Instanz mastodon.social vertreten. Auch einzelne Institutionen des KIT waren mit eigenen Accounts auf verschiedenen Instanzen aktiv.

Wissenschaftskommunikation neu gedacht: Mit Mastodon setzt das KIT auf eine offene und nutzerzentrierte Infrastruktur.

Heute, mehr als zwei Jahre später, bietet der Dienst social.kit.edu diesen Institutionen ein eigenes digitales Zuhause im Fediverse. Betreut wird die KIT-Instanz von einem engagierten Moderationsteam, mit tatkräftiger technischer Unterstützung des Scientific Computing Center (SCC).

Starke Infrastruktur für die Wissenschaft

Als Gegenangebot zu den etablierten, zentralisierten und algorithmen-getriebenen Social-Media-Plattformen – deren Intransparenz und einseitige Kontrolle über Kommunikationsräume inzwischen deutlich demokratiefeindliche Tendenzen schüren – ist das Fediverse, insbesondere der Microblogging-Dienst Mastodon, ein geeignetes Netzwerk für Wissenschaftskommunikation. Wissenschaft braucht für den globalen Austausch eine Infrastruktur jenseits der Aufmerksamkeitsökonomie, die offen, interoperabel und nutzerzentriert ist.

Ein Netz ist nur mit vielen Knoten (Instanzen) stabil. Darum war es dem Moderationsteam wichtig, eine eigene Mastodon-Instanz zu betreiben, die mit vielen anderen Instanzen (auch aus dem akademischen Umfeld) vernetzt ist. Dank der Rückendeckung von Prof. Dr. Kora Kristof, KIT-Vizepräsidentin für Digitalisierung und Nachhaltigkeit, kann das KIT seinen Angehörigen mit dieser Instanz heute einen Service anbieten, dem sie vertrauen können: Mastodon ist wegen des Inhouse-Hostings datenschutzfreundlich. Durch einen internen Freigabeprozess bzw. die künftige Anbindung an das Identity-Management-System (IDM) sind außerdem alle Profile verifiziert.

Jennifer Heck, Zentrum für Mediales Lernen (ZML): „Wir sind auf Mastodon, weil wir es großartig finden, dass das KIT mit social. kit.edu eine eigene, offene Plattform bereitstellt. So können wir uns in einem datenschutzfreundlichen Umfeld über digitale Lehre austauschen und gleichzeitig die Idee des föderierten, werbefreien Austauschs unterstützen.“
@zml_kit@social.kit.edu

Als ersten praktischen Schritt konsultierte das Moderationsteam, ganz im Sinne des Fediverse, die Admin-Teams anderer Mastodon-Instanzen – speziell im akademischen Bereich. Mit großer Offenheit gewährten diese Einblicke in ihren Maschinenraum. Die dort eingesetzten Ressourcen und Infrastrukturen ließen erkennen, dass der nötige Software-Stack und die Hardwareanforderungen für ein universitäres Rechenzentrum kein Problem sind.

Auch der eigentliche Moderationsaufwand wurde als gering eingeschätzt. Die anschließende Machbarkeitsanfrage beim SCC stieß daher auf offene Ohren. Ideelle Unterstützung erhielt das Mastodon-Team zudem von Prof. Dr. Annette Leßmöllmann, einer renommierten Kommunikationswissenschaftlerin des KIT, die das Vorhaben auch aus wissenschaftlicher Sicht befürwortete. Dass es überhaupt ein Interesse an der Idee gibt, zeigte sich ganz deutlich bei der Vorstellung des Projekts in der internen KIT-Arbeitsgruppe Kommunikation.

Viele Mitglieder signalisierten, ihre bestehenden Mastodon-Profile auf die neue hauseigene Instanz umzuziehen oder sogar neue Profile anzulegen. Mit diesem Rückenwind und einem Umsetzungsplan in der Tasche holte sich das Projektteam beim Präsidium des KIT den Auftrag für die Realisierung.

Start des Pilotbetriebs

Nachdem erste Versuche mit einer internen Testinstanz recht vielversprechend waren, machte sich das Team an die nötigen Anpassungen. Spätestens jetzt zeigte sich, wie wichtig die Übernahme konkreter Verantwortung ist: Wer kümmert sich um das Verfassen und Abstimmen von Serverregeln, Nutzungsbestimmungen und die Datenschutzerklärung? Wer publiziert die Anleitungen?

WAS IST MASTODON?
Mastodon ist eine gemeinnützige und datenschutzfreundliche Social-Media-Plattform zur Verbreitung von kurzen Nachrichten. Der Microblogging-Dienst ist Teil des sogenannten Fediverse, einem Zusammenschluss quelloffener, dezentraler, nicht kommerzieller und datenschutzfreundlicher Dienste, die über das freie und standardisierte Protokoll ActivityPub miteinander kommunizieren. Personen oder Einrichtungen haben die Möglichkeit, in Mastodon einen Server anzulegen, eine sogenannte Instanz.

Seit September 2025 bietet der Hersteller Mastodon gGmbH für Organisationen einen Hostingservice für Mastodon-Instanzen an.
https://joinmastodon.org/de/hosting

Auch wenn das Moderationsteam dabei auf den Schultern von Riesen stand, sind es am Ende die vielen kleinen Aufgaben und Entscheidungen, die einen langen Atem erfordern. Für viele dieser (juristisch erforderlichen) Texte gibt es zur Unterstützung offen lizenzierte Textbausteine im Netz, beispielsweise von der Stiftung Datenschutz.

Der offizielle Startschuss für die neue Instanz fiel schließlich am 1. Juli 2025 mit einem Launch-Event. Recht großes Interesse an der Instanz erzeugte ein Beitrag im internen Newsletter. Innerhalb weniger Tage erkundigten sich zahlreiche Mitarbeitende, wie sie einen Account auf der neuen Plattform erstellen können.

Die Mastodon-Instanz läuft zunächst in einem einjährigen Pilotbetrieb, damit das Team – dem Beispiel der Universität Innsbruck folgend – erst einmal Erfahrungen mit einer geringeren Anzahl an Profilen sammeln kann. Diese Profile können derzeit ausschließlich Institutionen und Projekte des KIT anlegen. In einem nächsten Schritt soll die Instanz für alle Mitarbeitenden geöffnet werden.

Herausforderungen und Fragen

Mit dem Anbieten einer öffentlichen Kommunikationsplattform gehen die Betreibenden einer Instanz Verpflichtungen ein. Der Personalrat gab zu bedenken, dass es möglicherweise arbeitsrechtliche Konsequenzen haben könnte, wenn auf einer Instanz für vorrangig dienstliche Kommunikation (so die Regel) jemand mehrheitlich private Inhalte postet.

So könne es, selbst wenn die Betreibenden keine diesbezüglichen Sanktionen vorsehen, in Einzelfällen dennoch zu rechtlichen Auseinandersetzungen kommen.

Solche und andere Regelverstöße muss das Moderationsteam prüfen – und dabei sicherstellen, dass die Serverregeln zeitnah durchgesetzt werden können. Dazu gehört es auch, schnell auf Meldungen von Nutzenden sowie behördliche Anfragen reagieren zu können. Denn die gesetzlich per DSA (DSA) der EU festgelegte Moderationsaufgabe des „notice and takedown“ muss umgehend erfüllt werden. Die Erfahrungen anderer Instanzen zeigen jedoch, dass Eingriffe bei Rechts- und Regelverstößen in der Praxis äußerst selten sind. Bevor die Instanz für individuelle Nutzende geöffnet wird, klärt das Moderationsteam derzeit weitergehende Haftungsfragen im Fall von Rechtsverstößen und die damit verbundenen Prozesse und Verantwortlichkeiten. Weil solche Abstimmungen Zeit benötigen, ist es sinnvoll, Personalrat und Justiziariat von Anfang an einzubinden.

Ressourcen der Instanz social.kit.edu Native Installation auf VM mit Ubuntu, 4 CPU, 8 GB RAM, 150 GB SSD, Anbindung S3-Speicher für Daten und Dokumente

Andrea Gappel, KIT-Bibliothek: „Wir möchten unsere Services, Angebote und Neuigkeiten Forschenden, Studierenden sowie allen, die sich für
Wissenschaft begeistern, zugänglich machen. Im Fediverse finden wir genau diese Vielfalt und Offenheit. Mit dem Umzug auf die KIT-Instanz unterstreichen wir unsere Zugehörigkeit zum KIT und stärken den direkten Austausch innerhalb der KIT-Community.“
@KIT_Bibliothek@social.kit.edu

Anmeldung mit bekannten Zugangsdaten

Die für das Single Sign-On nötige Anbindung an das IDM realisiert routiniert das SCC-Team, das dafür aber eine eindeutige User-Kennung braucht. Für einen Mastodon-Profilnamen ist der im KIT gängige Account (Buchstaben-Zahlen-Kürzel) viel zu unpersönlich, Namen wiederum für das IDM zu fluide. Dafür fand das SCC-Team eine gute Lösung: Es programmierte kurzerhand eine Erweiterung für das hiesige Nutzerportal.

Diese erlaubt es Interessierten künftig, sich ein selbst gewähltes, dauerhaftes und regelkonformes Handle zu geben, das bei Anmeldung durch das IDM an Mastodon übergeben wird. So werden sich Nutzende mit ihren bekannten Zugangsdaten auf der Mastodon-Instanz des KIT anmelden können – wie auch bei allen anderen zentralen Diensten.

Das Fediverse und seine Möglichkeiten für die Wissenschaft

Nach der Freischaltung der Instanz für alle Mitarbeitenden möchte das Moderationsteam in einem nächsten Schritt die Möglichkeiten des ActivityPub-Protokolls im Kontext der Wissenschaftskommunikation weiter ausloten. So ließe sich bei spielsweise der persistente Personenidentifikator ORCID mit dem eigenen Mastodon-Profil verknüpfen, um Follower automatisiert auf eigene Publikationen hinzuweisen.

Thomas Griesbaum, Sebastian Schäfer, Isabel Häuser, Kommunikationsteam der KIT-Fakultät für Informatik: „Die Idee einer dezentralen, werbefreien und datenschutzfreundlichen Plattform, die offenen Austausch ermöglicht und unabhängig von Konzerninteressen ist, überzeugte uns im Grundsatz bereits von Anfang an. Der Besitzerwechsel bei Twitter/X im Jahr 2022 gab den Ausschlag, einen eigenen Mastodon-Account einzurichten – zunächst auf bawü.social. Mit dem Start von social.kit.edu war der Wechsel zur eigenen Heiminstanz für uns dann der logische nächste Schritt.“
@KITInformatik@social.kit.edu

Der Dienst Encyclia (https://encyclia.pub/) und andere Dienste im Fediverse wie Pixelfed für Bilder oder Loops für Kurzvideos bieten als digitale Infrastrukturen ein enormes Potenzial für die Wissenschaftskommunikation. Andere Dienste, die das AcitityPub-Protokoll unterstützen, bieten unter Umständen ähnliche Möglichkeiten für die Bereiche Forschungsdaten oder Bildungsressourcen.

Die Installation einer Mastodon-Instanz an einer öffentlichen Hochschule braucht einen langen Atem. Viele Stakeholder und Verantwortliche müssen teils überzeugt und für die Mitarbeit gewonnen werden – möglicherweise müssen andere Aufgaben dafür zeitweise zurückgestellt werden.

Doch die anfänglichen, meist überschaubaren Hürden und Risiken lassen sich gemeinsam gut meistern. Neben der engagierten Mithilfe von internen wie externen Kolleginnen und Kollegen sowie der Verteilung der Arbeit auf mehrere Schultern erleichterte außerdem die befristete Pilotierung mit Ausstiegsoption das ganze Vorhaben.

Fazit

Ohne die Erfahrungen und die tatkräftige Unterstützung der Admins anderer Instanzen wäre das Projekt sicher nicht ins Ziel gekommen. Das Moderationsteam pflegt inzwischen einen regen Austausch mit den Fediverse-Akteuren und freut sich auf Zuwachs in der Runde der Hochschulen, die Mastodon-Instanzen betreiben!

Text: Jan Kröger, David Lohner, Ulrich Weiß (Karlsruher Institut für Technologie, KIT)

QUELLE: STIFTUNG DATENSCHUTZ
Datenschutz bei Mastodon – Leitfaden für den Instanz-Betrieb im dezentralen Netzwerk sowie eine Checkliste, Musterdokumente und Informationen zur praktischen Umsetzung. https://stiftungdatenschutz.org/praxisthemen/
datenschutz-bei-mastodon

KONTAKT
Wer Fragen hat oder sich mit der AG „Academia into the Fediverse“ austauschen möchte, kann das Moderationsteam der KIT-Instanz unter der E-Mail-Adresse mastodon-moderation@lists.kit.edu erreichen.