Bye, bye DFN-NetNews – Abschied von einem geschätzten Wegbegleiter
Zum Jahresende 2026 schließt sich ein Kapitel Internetgeschichte im DFN: Der Dienst DFN-NetNews geht vom Netz. Was einst als offenes, internationales „Schwarzes Brett“ begann, war für viele das erste soziale Netzwerk der Wissenschaft – geprägt von Aufbruchsstimmung, schnellem Austausch und einer ungewöhnlich respektvollen Diskussionskultur. Vera Heinau von der FUB-IT, Zentrale IT-Services, der Freien Universität Berlin (FU Berlin) war von Beginn an dabei und wirft einen Blick zurück auf die Anfänge, die besondere Dynamik der NetNews-Community und die Gründe, warum dieses Kapitel nun zu Ende geht.
19. August 2026

Von Technik bis Alltag: NetNews verbindet Menschen mit gemeinsamen Interessen. Illustration: piranka/iStock
Wenn Nerds einen Dienst erfinden und aufsetzen, so tun sie das in aller Regel, um erst einmal ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. In diesem Fall ging es darum, eine zentrale Plattform für Diskussionen und den fachlichen Austausch zu schaffen. Die ursprüngliche Idee von NetNews wuchs schnell über sich hinaus, und schon bald wurde nicht mehr nur über den Umgang mit einem bestimmten Betriebssystem diskutiert, sondern auch über andere technisch-wissenschaftliche Themen – aber ebenso über Dinge des täglichen Lebens wie Freizeit, Kultur und Gesellschaft.
Freier Meinungsaustausch über Ländergrenzen hinweg und anregende Diskussionen mit Menschen aus aller Welt: Als ich vor 40 Jahren den Dienst NetNews kennenlernte – das war etwa zwei Jahre nach Gründung des DFN-Vereins –, faszinierten mich die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der modernen Kommunikation und des konstruktiven Miteinanders ungemein.
Eine besondere Aufbruchsstimmung prägte diese Zeit: Zum ersten Mal konnten auch Menschen außerhalb von Hochschulen oder Forschungseinrichtungen unmittelbar an der Entwicklung des Internets teilhaben. NetNews bot ihnen die Möglichkeit, mitzudiskutieren und damit die entstehende digitale Kultur mitzugestalten.
Klassiker der internationalen Diskussionssysteme
Das Netzwerk Usenet, die zugrunde liegende Infrastruktur für den Dienst NetNews, war eines der ersten verteilten Diskussionssysteme im Internet. Es wurde 1979 von Tom Truscott und Jim Ellis an der uke University und der University of North Carolina at Chapel Hill als zivile Kommunikationsalternative zum Forschungsnetz ARPANET des US-Verteidigungsministeriums ins Leben gerufen. Die kostengünstige, offene Kommunikationslösung diente primär dazu, sich über technische Fragen der damals noch neuen Computer auszutauschen. In den folgenden Jahren mauserte sie sich zu einem weltumspannenden Medium für Hunderttausende Menschen, die eigene Beiträge leisteten oder auch nur mitlasen.
In seinen Spitzenzeiten – etwa Ende der 1990er- bis Mitte der 2000er Jahre – war Usenet eines der größten verteilten Diskussionssysteme der Welt. Schätzungen gehen von weltweit mehreren Zehntausend Servern, rund Hunderttausend Newsgruppen, mehreren Millionen regelmäßigen Usern und einigen Hunderttausend Artikeln pro Tag aus.
Karsten Leipold, Administrator für Domain-Dienste und Netzwerkinfrastruktur im DFN-Verein: „Das Aufsetzen und Konfigurieren des Newsservers gehörte Anfang der 90er Jahre zu meinen ersten Aufgaben im DFN-Verein. Ich freue mich, dass ich damit einen Beitrag zur Verbreitung des Dienstes DFN-NetNews leisten konnte.“
Wegbereiter der Social-Media-Bewegung
Die Grundidee des Dienstes NetNews ist simpel: Man nehme ein virtuelles „Schwarzes Brett“ mit definierten Kategorien (Hierarchien bzw. Newsgroups), das sich über viele Server hinweg spiegelt.
Wenn jemand eine Notiz an das Schwarze Brett heftet – einen Beitrag postet –, wird dieser von Server zu Server weitergegeben und so im gesamten Netzwerk verbreitet. Mit diesem Konzept kann NetNews mit Fug und Recht als erster Vorgänger und Wegbereiter der heutigen mächtigen Social-Media-Plattformen und modernen Foren betrachtet werden. Anders als diese versteht es sich allerdings als nichtkommerzielle Graswurzelbewegung, basierend auf offenen Standards und kostenfreier Software.
Der NetNews-Zugang ist niederschwellig: Ein Internetanschluss und ein kostenfreier Client genügen, sodass der Dienst auch ohne umfangreiches technisches Know-how genutzt werden kann. Damit stand das Usenet – sowohl hinsichtlich der Themen als auch der Zugangsvoraussetzungen – einem breiten Publikum offen und wuchs mit der zunehmenden Verbreitung von PCs auch im privaten Bereich.
Die Einrichtung neuer Newsgruppen ist demokratisch organisiert. Alle Nutzenden können Vorschläge einbringen. Diese werden zunächst öffentlich diskutiert und anschließend im Voting, einem klar geregelten gemeinsam festgelegten Verfahren, abgestimmt. So entstanden Newsgruppen mit eher „seriösen“ und sachlichen Bezeichnungen wie de.sci.chemie – aber auch solche mit flapsigen humorvollen Namen wie de.rec.mampf (de für deutschsprachig, sci für Science, rec für Recreation).
Die Atmosphäre in den Newsgroups war persönlich – fast schon familiär, die Hilfsbereitschaft überwältigend. Neulinge konnten jegliche Art von Fragen stellen, ohne herablassende oder abfällige Kommentare zu erhalten. Gepostet wurde unter dem eigenen Namen oder einem bekannten „Nickname“, und Beleidigungen („Flames“) oder gezielte Provokationen („Trolling“) waren verpönt.
Heiko Schlichting, Verantwortlicher für Software-Entwicklung und -Anpassung sowie Systemadministrator von DFN-NetNews an der Freien Universität Berlin: „Es war spannend und motivierend, an der Front der Entwicklung eines neuen Mediums zu stehen – eine Gelegenheit, die sich einem nicht oft im Leben bietet!“
Der Umgang war geprägt von Neugier, Respekt und dem gemeinsamen Gefühl, an etwas großem Neuen teilzuhaben.
Apropos: NetNews war aus meiner Sicht einer der ersten gelungenen Versuche, bei denen sich eine internationale Gemeinschaft von Nutzerinnen und Nutzern auf einen gemeinsamen allgemein anerkannten Verhaltenskodex verständigen konnte.
Die Grundprinzipien der sogenannten Netiquette waren – mit kleinen Unterschieden je nach Region oder Organisation – weltweit ähnlich. Heutzutage würde man ein solches Werk wohl „Code of Conduct“ nennen und als große Errungenschaft herausstellen – damals war die Einhaltung für die allermeisten eine Selbstverständlichkeit.
Ein neuer Dienst im Wissenschaftsnetz: DFN NetNews
Recht schnell erkannten auch Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland die innovativen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten. Bereits in den frühen 90er-Jahren betrieb der DFN-Verein einen eigenen Newsserver für NetNews – genau wie die Freie Universität Berlin (FU Berlin). Beide Admin-Teams pflegten einen intensiven, partnerschaftlichen Austausch. Später entwickelte die FU Berlin aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung und Expertise im Auftrag des DFN-Vereins den Pilotdienst News.CIS.DFN.DE und übernahm die Administration und Wartung. Der Dienst ging 2003 unter dem Namen DFN NetNews in den Produktivbetrieb über. Damit wollte der DFN-Verein der Wissenschaftscommunity in Deutschland einen einfachen Zugang zum Usenet – und damit zu einem weltweiten Netz von Newsgroups – ermöglichen und die technischen Hürden für einzelne Einrichtungen vermeiden. Zahlreiche Einrichtungen im Wissenschaftsnetz nahmen das Angebot wahr – sowohl kleinere, die sich so das Aufsetzen eines eigenen Servers ersparen konnten, als auch große, die mit dem Dienst ihr eigenes Dienstportfolio ergänzten.
Wind of Change
Wie so oft: Nicht nur die Revolution frisst ihre Kinder, sondern auch der Erfolg die erste Generation von Idealisten.
Bettina Fink, Newsmistress von DFN-NetNews: „Zwischen Austausch und Konflikt, zwischen Verbindungen schaffen und manchmal auch aushalten hast du mich 30 Jahre begleitet – und bleibst mir gerade deshalb in Erinnerung.“
Entgegen dem Gemeinschaftssinn gab es immer mehr Nutzende, die das Usenet nur als Mittel für ihre Zwecke betrachteten. Spam, bösartige Links, „Flame Wars“, Hassrede und Propaganda breiteten sich zunehmend aus. Technische Maßnahmen halfen zwar bei der Eindämmung, aber das sichere Gefühl des geschützten, familiären Raums war endgültig dahin.
Nicht wenige, die das Usenet gezielt zum Austausch spezifischer fachlicher Themen genutzt hatten, waren genervt vom Missbrauch in „ihren“ Gruppen und zogen in passende Webforen um – dort ging es meist zivilisierter zu. Dieser Effekt zeigte sich überproportional im akademischen Umfeld, in dem viele die neuen Foren mittlerweile als deutlich angenehmer und effizienter empfanden – was sich letztendlich daran zeigte, dass DFN-NetNews immer weniger genutzt wurde. Dieser Aderlass traf die Qualität einiger Newsgruppen empfindlich. Denn dadurch wurde ihnen ein Teil des qualifizierten Know-hows entzogen, was sie wiederum für Neulinge weniger attraktiv gestaltete.
Gleichzeitig schritt die Entwicklung des Web 2.0 sowie der sozialen Medien rasant voran. Getrieben von großen Firmen oder Konsortien zeigten sich die Plattformen nun in einem Layout, das insbesondere jüngere Generationen ansprach, und mit fortwährend neuen interaktiven Features. Die Möglichkeit, Grafiken und Bilder in Posts einzubinden – im textorientierten Usenet nicht vorgesehen bzw. nicht akzeptiert –, war ein sehnsüchtig erwartetes Feature und damit einer der großen Gamechanger. Das eher an klassischen E-Mail-Clients orientierte textbasierte Layout und die Funktionalität der Newsreader konnten da schlicht und ergreifend nicht mithalten.
Ein weiterer Grund dafür, dass die Nutzungszahlen drastisch in den Keller gingen, lag im Selbstverständnis der NetNews-Community: Werbung war nur in eigens gekennzeichneten Gruppen erlaubt. Für viele Unternehmen war der Dienst damit unattraktiv – auch weil sie auf kritische oder unerwünschte Beiträge keinen Einfluss nehmen konnten. Stattdessen setzten sie zunehmend auf eigene Plattformen wie Foren oder Wikis. So stellte etwa Microsoft 2010 den Support über Newsgruppen ein. Über die Jahre nahmen viele Betreiber ihre NetNews-Server vom Netz.
Andreas M. Kirchwitz, „Hüter“ der Netiquette für die deutschsprachigen Newsgruppen de: „Die elementare Kernbotschaft der Netiquette ist längst allgemeingültiger Ratschlag und Mahnung für alle elektronischen Medien der heutigen Zeit: Vergiss niemals, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt!“
Ist NetNews nun endgültig tot?
Der Dienst DFN-NetNews wird ohne Zweifel am 31. Dezember 2026 ersatzlos eingestellt. Es wird nach wie vor enthusiastische Menschen geben, die privat Newsserver betreiben und sich mit anderen vernetzen. Und es wird sicherlich auch weiterhin Szenarien geben, für die diese Kommunikationstechnik geeignet ist, oder Einsatzgebiete, bei denen es sich nicht mehr lohnt, auf andere Systeme umzusteigen.
Auch wenn DFN-NetNews nun endet, bleibt vor allem die Erinnerung an eine Zeit, in der Austausch im Netz noch persönlicher und respektvoller war. Der Dienst war für mich mehr als ein Werkzeug – es war ein Ort der Begegnung. Ich habe ihn gerne genutzt und dabei viele kluge, hilfsbereite und nette Menschen kennengelernt.
Text: Vera Heinau (Freie Universität Berlin)
Wer weiterhin im Usenet unterwegs sein möchte, findet auf folgender Webseite eine Liste von Usenet-Anbietern im deutschsprachigen Raum: https://th-h.de/net/usenet/faqs/newsserverliste/
Einen Artikel zu den Anfängen von NetNews im DFN-Verein finden Sie in Ausgabe 28 der DFN-Mitteilungen: https://www.dfn.de/wp-content/uploads/2023/11/DFN-Mitteilungen-28.pdf